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C.A.S.A.– Casablanca Art School Archives
von Zamân Books & Curating

Die Akademie der Bildenden Künste von Casablanca: Goldenes Zeitalter oder revolutionäre Parenthese?

Mit der Leitung von Farid Belkahia von 1962 bis 1974 begann an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca ein neues und vollkommen anderes Kapitel in der Geschichte der Institution, die unter französischer Führung mit mehr oder weniger kolonialem Einfluss gegründet worden war und bis heute existiert. Man könnte von einer goldenen Parenthese sprechen oder von zwölf Jahren eines umfangreichen Fundus an Positionsbestimmungen und künstlerischen Revolutionen. Belkahia vertrat einen radikalen und doch kohärenten Ansatz an der Schule, indem er den Lehrkörper um Persönlichkeiten wie Mohamed Melehi und Toni Maraini, gefolgt von Mohamed Chabâa und Bert Flint erweiterte und sich gleichzeitig mit ihnen zu einem der legendärsten Kunstkollektive in der Geschichte Marokkos zusammenschloss. Drei weitere Künstler, Romain Ataallah, Mustapha Hafid und Mohamed Hamidi, ergänzten die Gruppe zeitweise.

Lehrmethoden wie das Malen an der Staffelei, das Arbeiten nach lebenden Modellen oder Skulpturen oder ganz allgemein die westliche Tradition (postkubistisch, postimpressionistisch, sogar orientalistisch) wurden durch eine alternative Pädagogik ersetzt, die konsequent auf die kreative Emanzipation der Studierenden ausgerichtet war, dabei aber Zukunftsperspektiven aus der marokkanischen Kunst und Tradition bezog. Ein System, das streng kommerzielle und handwerkliche Möglichkeiten bot, wurde zugunsten einer Ausbildung aufgegeben, die authentische „handwerkliche Künstler*innen” hervorbringen sollte.

Noch größer erschien die Herausforderung für viele junge Marokkaner*innen, bedeutete die Unabhängigkeit doch, dass sie sich für eine „Karriere“ ausbilden ließen, die es ihnen ermöglichte, an der neuen Wirtschaft des Landes teilzuhaben. Paradoxerweise orientierten sich die neuen theoretischen und praktischen Kurse am Handwerk, dies jedoch in einem nicht-traditionellen Sinne, indem sie aus einem Repertoire an Gesten, Formen und Symbolen schöpften und diese,neu formulierten. So sollte Chabâas Lehrmethode, die sich an den angewandten Künsten orientierte, die klassische Kalligrafie für die Kunst der Typografie und des Plakatdesigns neu definieren; Melehis Malereikurse ermutigten die Studierenden, Muster und visuelle Komposition der Berberteppiche neu zu interpretieren und sie so zu einer Form der Wandmalerei weiterzuentwickeln (ein Medium, das Melehi mit Chabâa teilte). Bert Flint indes lud die Studierenden ein, seine Sammlung von Volkskunst und Berberschmuck zu erforschen und offenbarte ihnen so die Geheimnisse ihrer Symbolik sowie ihr plastisches Potenzial. Toni Maraini, die Tochter des italienischen Schriftstellers und Anthropologen Fosco Maraini, fungierte als Haupttheoretikerin der Gruppe. Sie war es, die die Manifeste, kritischen Texte und Kataloge für Belkahia, Chabaâ und Melehi, von Marrakesch bis Bagdad, verfasste. Darüber hinaus machte sie die Studierenden mit einer transversalen und bis dahin ungesehenen Kunstgeschichte vertraut, indem sie den afrikanischen Kontinent und den Mittelmeerraum zum Zentrum der Reichweite ihrer Vermittlung benannte.

Gemeinsam trugen sie dazu bei, die Denkweise und formalen Bezüge der Studierenden zu verändern, sei es in den Seminaren der Schule oder während der Feldforschung; galt es doch, ein Erbe wiederzuentdecken, das sich vor allem in den ländlichen Gebieten konzentrierte, wie auch die Moscheen und Lebensräume, die von den Dorfbewohner*innen im Souss und im Hohen Atlasgebirge geschaffen worden waren.

Basierend auf diesen Erfahrungen entstand die Zeitschrift Maghreb Art, die zwischen 1965 und 1969 erschien und in der das gewonnene Wissen nicht nur klassifiziert und analysiert, sondern auch von einem realen Ästhetizismus getragen wurde. Die Teppiche, der Schmuck und die bemalten Decken bildeten eine persönliche „Montage“ aus von Melehi aufgenommenen Fotografien und analytischen Texten von Flint und Maraini. Die Zeitschrift sollte zu einem wichtigen Dokument werden und war,grundlegend für das Verständnis einer Umkehr vom modernistischen Paradigma durch das Licht einer kreativen Gemeinschaft, die anonym, aber im kollektiven Sinne bedeutend war und die man als Afro-Berber bezeichnen könnte.

Als aktivistische und pädagogische Gruppe suchte die Akademie der Bildenden Künste von Casablanca, zwei getrennte Bereiche miteinander zu verweben: die Ansätze der Künstler*innen-Lehrenden (Belkahia, Chabâa und Melehi), ihre Publikationen und Ausstellungen jenseits von Ausstellungswänden (oder sogar „ohne Wände“, wie die Ausstellung Présence Plastique im Jahr 1969), aber auch den polymorphen und weniger sichtbaren Raum der Arbeit im Atelier in ständiger Interaktion mit den Studierenden, und Freiräumen innerhalb der pädagogischen Hierarchie. Einige Künstler*innen, die in den 1960er Jahren mit dem Atelier der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca verbunden waren (u.a. Hossein Miloudi, Malika Agueznay, Abderrahmane Rahoule), tragen dessen Spuren bis heute in ihrem Werk.

 

Mohamed Ataallah (1939–2014)
Der Maler, Bildhauer, Designer und Archäologe Mohamed Ataallah war 1968-1972 Professor an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca.

Nach seinem Studium an der Kunstschule von Tetouan reiste Ataallah 1958 nach Sevilla und Rom, bevor er in Madrid Restaurierung studierte. 1963 kehrte er nach Marokko zurück, um archäologische Ausgrabungen in der Provinz Tanger vorzunehmen. Ataallahs künstlerische Praxis war anfänglich von seiner besonderen Kenntnis des volkstümlichen Kunsthandwerks geprägt, bevor er sich später Op-Art-Techniken und dem Industriedesign widmete. Als Professor für Dekoration und Design führte er Studiengänge zu Installationskunst und Environment ein. Seine bahnbrechende Ausstellung in der Galerie Bab Rouah im Jahr 1972 verwies auf eine neue Beziehung zum Kunstraum und präsentierte seine Werke als „multipel“ und „molekular“. Nach seiner Rückkehr nach Caen in Frankreich rief er einen Kurs zu Ästhetischer Recherche ins Leben, den er in den 1970er und 1980er Jahren leitete und durch den er Verbindungen zu lateinamerikanischen Op-Künstlern wie Carlos Cruz-Diez und Jesus-Rafael Soto schuf.

Ataallahs Arbeiten sind vorwiegend in marokkanischen Privatsammlungen wie dem Hôtel Saadi und dem MACAAL in Marrakesch vertreten.

 

Farid Belkahia (1934–2014)
Der Maler und Bildhauer Farid Belkahia war von 1962 bis 1974 Direktor der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca.

Während seines Studiums an der Kunsthochschule in Paris 1955 entdeckte Belkahia Paul Klee und das Bauhaus. Nach seiner Rückkehr nach Marokko im Jahr 1962 wurde er zum Direktor der Akademie in Casablanca ernannt, eine Position, die er bis 1974 innehatte. In Prag studierte er an der Akademie der darstellenden Künste, wo er kommunistische Künstler wie Pablo Neruda und Paul Eluard kennenlernte. Nach zwei Jahren als äußerst junger Direktor der Akademie erweiterte Bekahia mit nur 28 Jahren seine Vision einer künstlerischen Revolution: Zwischen 1964 und 1965 berief er zum einen Mohamed Melehi und Mohammed Chabâa als Professoren für Bildende Kunst an die Akademie und zum anderen Toni Maraini und Bert Flint für kunsthistorische Kurse. Belkahias eigene Arbeit nahm Mitte der 1960er Jahre eine radikale Wendung, als er sich vom westlichen Malereikanon abwandte und stattdessen auf Kupfer, Tierhaut oder geformte und verzierte Rahmen zurückgriff. Sein Werk war eine Fusion aus arabischer Kalligraphie, Amazigh-Alphabet und archetypischer Geometrie.

Belkahias Arbeiten sind in Museumssammlungen wie dem Centre Pompidou, dem Institut du Monde Arabe, der Tate Modern, dem Mathaf und der Barjeel Arts Foundation vertreten.

 

Mohammed Chabâa (1935–2013)
Der Maler, Bildhauer, Wandmaler und Grafikdesigner Mohamed Chabâa lehrte von 1965 bis 1969 an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca.

Chabâa machte 1955 seinen Abschluss am Nationalen Institut der Bildenden Künste in Tétouan. Anschließend arbeitete er in der Architekturabteilung des Ministeriums für Jugend und Sport. Im Jahr 1962 erhielt er ein Stipendium der italienischen Regierung, um sein Studium an der Accademia di Belle Arti di Roma fortzusetzen. Die Lehrtätigkeit war ein fester Bestandteil seiner Karriere, zunächst an der Kunstschule in Casablanca (1964-69), wo er die Werkstätten für dekorative Kunst, Grafik und Kalligrafie leitete, und später an der Nationalen Schule für Architektur in Rabat.

Chabâa entwickelte früh Expertise und Werkzeuge im Rahmen der Kunstpädagogik, die zu einem integralen Bestandteil seiner Praxis wurden. Er erforschte die Möglichkeiten eines postkolonialen Kontextes und suchte mit einem vielschichtigen Programm die Integration der Künste in Gesellschaft und Alltag. Chabâa eröffnete sein Designstudio 1968 und arbeitete für Unternehmen wie die Royal Air Maroc und die Casablanca International Fair in den Bereichen Innenarchitektur, Möbel und integrierte Kunst. Zudem war er Hauptgrafiker der von Abdellatif Laâbi gegründeten Zeitschrift Souffles (1966-1973).

Chabâas Arbeiten sind hauptsächlich in marokkanischen Privat- und Banksammlungen vertreten.

 

Mustapha Hafid (geb. 1942)
Mustapha Hafid, der vor allem als Maler bekannt ist, studierte 1958-1961 an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca und war dort später als Professor tätig. 1980 und 1985 wurde er von der Schule zum zeitweiligen Direktor ernannt.

Hafid schrieb sich an der Akademie ein, bevor er nach Warschau ging, wo er fünf Jahre lang an der Akademie der Bildenden Künste Malerei und Grafik studierte und 1966 seinen Abschluss erhielt. Nach seiner Rückkehr nach Marokko wurde Hafid Professor an der Akademie in Casablanca. 1969 nahm er zusammen mit Mohamed Ataallah, Farid Belkahia, Mohamed Chabâa, Mohamed Hamidi und Mohamed Melehi an der Manifest-Ausstellung auf dem Jamaâ el Fna-Platz in Marrakesch und dem Platz des 11. November in Casablanca teil. Hafid war darüber hinaus stellvertretender Direktor der Akademie in Casablanca (1980–1985).

In seiner künstlerischen Praxis kombiniert er organische und synthetische Stoffe wie Sand und Lack, die er schwer und kraftvoll auf die Leinwand aufträgt. 1973 wurden seine Werke in der Galerie Bab Rouah in Rabat gezeigt, zusammen mit Arbeiten seiner polnischen Frau Anna Draus-Hafid, die im folgenden Jahr ein Webstudio an der Akademie in Casablanca eröffnete. Die Hafids wurden zu einem Bindeglied zwischen marokkanischer und polnischer Avantgarde, als sie 1978 in Rabat eine weitere Gruppenausstellung ausrichteten, die sie mit den Künstler*innen Halina Chrostowska und Edmund Piotrowicz zusammenführte.

Hafids Arbeiten befinden sich in Privat- und Banksammlungen in Marokko.

 

Mohamed Hamidi (geb. 1941)
Der Maler Mohamed Hamidi studierte in den 1950er Jahren an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca und war dort später als Professor tätig.

Hamidi studierte in Paris, wo er sich zunächst an der Akademie für Bildende Kunst (1959) und später an der Kunstgewerbeschule (1962) einschrieb, um Freskomalerei und -techniken zu studieren. Nach seiner Rückkehr nach Marokko Mitte der 1960er Jahre entwickelte er seinen afrikanistisch-erotischen Kompositionsstil, in dem er sexuelle Elemente mit populären kunsthandwerklichen Mustern kombinierte. Hamidi schloss sich der Kerngruppe um Ataallah, Belkahia, Chabâa und Hafid an, die 1969 mit der Straßen-/Manifest-Ausstellung Présence Plastique radikale, postkoloniale Kunstplattformen initiierten. Als aktives Mitglied der Gruppe nahm er 1974 an der Bagdad-Biennale und 1978 an der neuen Manifest-Ausstellung auf dem Jmaa el-Fna-Platz in Marrakesch teil. Hamidi war maßgeblich an den bedeutenden Wandgemälden, die 1978 für das erste Asilah Arts Festival in Marokko entstanden, beteiligt.

Seine Arbeiten sind in Museumssammlungen wie dem Centre Pompidou, dem Institut du Monde Arabe und der Barjeel Art Foundation vertreten.

 

Mohamed Melehi (1936–2020)
Der Maler, Bildhauer, Fotograf, Wandmaler und Grafikdesigner Mohamed Melehi war zwischen 1964 und 1969 Professor an der Akademie der Bildenden Künste von Casablanca.

Nach seiner Grundausbildung in Tetouan studierte Melehi ab 1955 in Sevilla und Madrid und ab 1957 in Rom, wo er auch der erste afrikanisch-arabische Künstler werden sollte, der seine Werke in der Avantgarde-Galerie Topazia Alliata ausstellte, die ihn später an Museumsakteure wie Lawrence Alloway weiterempfahl. Melehis Reise in die transnationale Abstraktion brachte ihm 1962 eine Stelle als Assistenzprofessor am Minneapolis Institute of Art ein. Anschließend zog er nach New York und wurde 1963 in die Ausstellung Hard Edge and Geometric Painting des Museum of Modern Art (MoMA) aufgenommen. 1964 kehrte Melehi nach Marokko zurück, als Farid Belkahia ihn als Professor für Malerei, Skulptur, Collage und Fotografie an die Akademie in Casablanca berief. Auch er schloss sich der Kerngruppe um Ataallah, Belkahia, Chabâa, Hafid und Hamidi an. Melehi war Mitbegründer der Zeitschrift Integral (1971-1978) und des Asilah Arts Festival.

Seine Arbeiten sind in Museumssammlungen wie dem Centre Pompidou, Institut du Monde Arabe, Tate Modern, Museum of Modern Art, Mathaf und der Barjeel Art Foundation vertreten.

 

Referenzen

Editiertes und erweitertes Transkript eines Gesprächs zwischen Mohamed Melehi und Morad Montazami, das am 6. Juni 2019 in den Mosaic Rooms, London im Rahmen der Ausstellung ‚New Waves: Mohamed Melehi und die Casablanca Art School‘ (12. April – 22. Juni 2019) stattgefunden hat.

 

MELEHI, Dokumentation von Shalom Gorewitz, (New York, 1984), Film im Auftrag des Bronx Museum of the Arts über den künstlerischen Prozess und die Einflüsse von M. Melehis Arbeiten und Errungenschaften seiner Einzelausstellung im Bronx Museum of Arts 1984. 26 Min. © Courtesy Shalom Gorewitz und The Bronx Museum of the Arts. Archiv SM.

 

Gespräch | Mohamed Melehi x Shalom Gorewitz (Paris, 9.10.2020) © Courtesy Alserkal

 

Morad Montazami – The Casablanca Art School: Plattformen und Modelle der postkolonialen Avantgarde © Courtesy Lenbachhaus München