Über

 

 

 

Die KW Institute for Contemporary Art und die Sharjah Art Foundation freuen sich, von 2020 bis 2022 in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Marokko und ThinkArt ein gemeinsames Projekt zur School of Casablanca zu realisieren – eine Schule, die in den 1960er Jahren in Marokko innovative Vermittlungs- und Ausstellungsstrategien entwickelte.

In Anlehnung an das Bauhaus-Manifest dachten die Vertreter*innen der School of Casablanca das Verhältnis von Kunst, Kunsthandwerk, Design und Architektur in einem lokalen Bezugsrahmen neu. Das gemeinsame Projekt greift diesen Ansatz nach dem hundertjährigen Jubiläum der Bauhaus-Gründung auf, um das Erbe der School of Casablanca für zeitgenössische Diskurse fruchtbar zu machen. Damit soll über lokale Zusammenhänge hinaus eine kritische Auseinandersetzung mit den Traditionen westlicher Methodologie und einer damit verbundenen Selbstverortung angestoßen werden.

Einen wesentlichen Bestandteil des Projekts bildet ein Residency-Programm in Casablanca. Von 2020 bis 2022 werden die Residents forschen, neue Arbeiten entwickeln und ein öffentliches Programm um ihre Forschung herum etablieren. Die sechs Teilnehmer*innen des Programms sind Céline Condorelli, Fatima-Zahra Lakrissa, Marion von Osten, Manuel Raeder, Bik Van der Pol und Abdeslam Ziou Ziou.

 

 

Über die School of Casablanca
Die École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca (die Casablanca School of Fine Arts) galt als innovative Institution in den 1960er Jahren. Ursprünglich in den 1920er Jahren gegründet, wurde sie 1951 von der französischen Protektoratsregierung offiziell aus der Taufe gehoben. Das gesteigerte zivilgesellschaftliche Bewusstsein in Folge der Unabhängigkeit Marokkos 1956 beeinflusste auch Künstler*innen und Intellektuelle und deren gesellschaftliche Rolle und öffentliche Sichtbarkeit. Künstler*innen wurden zu Produzent*innen sozialer und kultureller Projekte, in deren Rahmen Kunst als gemeinsamer Wissens- und Erfahrungsraum begriffen wurde. Inmitten dieser postkolonialen künstlerischen und kulturellen Erneuerung fanden drei Künstler – Farid Belkahia (1934–2014), Mohamed Chabâa (1935–2013) und Mohamed Melehi (1936–2020) – an der École Municipale des Beaux-Arts zu einer Gruppe zusammen: der Group of Casablanca. Später stießen Mohamed Hamidi (*1941, MA), Mustapha Hafid (*1942, MA) und Mohamed Ataallah (1939–2014) dazu.

Unterstützt durch die Kunsthistorikerin und Anthropologin Toni Maraini (*1941, JP) und Bert Flint (*1931, NL), der zu Populärkunst und ländlichen Traditionen forschte, entwickelte die School of Casablanca innovative Vermittlungs- und Ausstellungsstrategien, die das westlich-akademische Erbe und dessen Epistemologie-Begriff ablehnten. Das Programm legte großen Wert auf das Studium und die Rückbesinnung auf das traditionelle kunsthandwerkliche Erbe sowie urbane und ländliche Architektur. Darüber hinaus gab die School of Casablanca das Magazin Maghreb Art heraus und organisierte unter dem Titel Présence plastique Ausstellungen im öffentlichen Raum. Besonders in Erinnerung bleibt dabei die 1969 auf dem Jamaâ-El-Fna-Platz in Marrakesch präsentierte Manifest-Ausstellung. Während dieser Jahre und über das folgende Jahrzehnt hinweg realisierten Belkahia, Chabâa und Melehi gemeinsam mit den Architekten Patrice de Mazières (1930-2020) und Abdeslam Faraoui (*1928, MA) die sogenannten Intégrations, wegweisende Arbeiten zu öffentlicher Infrastuktur.

Farid Belkahia (1934, Marrakesch – 2014, Marrakesch)
Das Studium an der damaligen École des Beaux-Arts in Paris (1955-1959) stellte einen Wendepunkt in Farid Belkahias Karriere dar: Er begann, die Eintönigkeit akademischer Ausbildung abzulehnen und folgte stattdessen dem Drang, zu seinen Wurzeln zurückzukehren. 1960 betitelte er erstmals eine Arbeit mit einem marokkanischen Dialektbegriff: Wac-wac (der Schrei) – eine Hommage an Edvard Munch. Belkahia verließ Paris und begab sich auf eine lange Reise durch den Maghreb und den Nahen Osten, bevor er sich schließlich in Prag niederließ, um an der dortigen Akademie der Musischen Künste Kurse in Szenografie zu belegen. 1962 kehrte er nach Marokko zurück, wo er bis 1974 die École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca leiten sollte. 1963 folgte der nächste Einschnitt: Belkahia brach mit den malerischen Dogmen des Westens. An deren Stelle traten seine eigenen Überlegungen zu Bildträger, Rahmen, Form, Farbe und Zweidimensionalität, die auf seinem Karriereweg und seiner Kultur beruhten und von Volkskunst und altertümlichen Ausdrucksformen beeinflusst waren. Die Rückkehr zur Tradition betrachtete Belkahia als unabdingbar für sein Unterfangen, eine Ideologiekritik des westlichen Kulturimperialismus zu formulieren. „Tradition ist die Zukunft des Menschen“, schrieb er. Belkahia ersetzte die Leinwand durch Kupferfolie und schuf große skulpturale Reliefs. Ab 1975 experimentierte er zudem mit Leder als Material. Mit der Wahl von Kupfer und Leder entwickelte er ein Vokabular aus Zeichen, Ideogrammen und Hieroglyphen, das charakteristisch für sein Werk und dessen Materialität werden sollte. Es vereint die Feinheit arabischer Kalligraphie, den Zeichenreichtum der Berbersprachen und die Geometrie altertümlicher Formen: des Dreiecks, des Kreises, des Pfeils, des Punkts, des Unendlichkeitszeichens sowie des Kreuzes und seiner Kardinalpunkte. Die Stärke von Belkahias Arbeiten liegt dabei in einer außergewöhnlichen Kombination der symbolischen, geometrischen und spirituellen Bedeutungsebene von Zeichen, die deren universellen Gehalt jedoch nie entäußert.

Mohamed Chabâa (1935, Tanger, MA – 2013, Casablanca, MA)
Mohamed Chabâa schloss 1955 sein Studium am Institut National des Beaux-Arts in Tétouan (MA) ab. Anschließend arbeitete er in der Architekturabteilung des Jugend- und Sportministeriums. 1962 setzte Chabâa sein Studium mit einem Stipendium der italienischen Regierung an der Accademia di Belle Arti di Roma in Rom fort. Die Lehre war immer ein wesentlicher Bestandteil seiner Karriere, zunächst an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca, wo er von 1964 bis 1969 Workshops zu dekorativer und graphischer Kunst und Kalligraphie leitete, später an der École Nationale d’Architecture in Rabat. Zudem leitete Chabâa von 1994 bis 1998 das Institut National des Beaux-Arts in Tétouan. Er versuchte dabei stets, zwei Rollen zu vereinen: die des Künstlers und die des Intellektuellen und Pädagogen und prägte damit den Begriff „positionelle Arbeit“ – ein Kunstwerk, das verantwortungsvolles gesellschaftliches Handeln anstößt mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft. Dabei betonte er die Spezifität traditioneller künstlerischer Produktion: „Damals waren wir noch weit davon entfernt, in den Ornamenten marokkanischer Architektur mit all ihren in Gips gemeißelten Wandbildern, Holzschnitzereien, Zemmour- und Glaoui-Teppichen, Keramiken – kurz, in all den lokalen, traditionellen Arten autonomer Kunstwerke – eine eigenständige Kunstform zu erkennen, eine, die einen universellen ästhetischen Wert für sich beanspruchen konnte.“ Er schätzte sowohl den Funktionalismus der marokkanischen künstlerischen Tradition als auch die Komplementarität von Kunst, Architektur und Handwerk, die er in seinem Konzept der „3 As“ (l’art, l’architecture, l’artisanat) zum Ausdruck brachte. Chabâas Ziel war es, eine Kunst zu entwickeln, die in das Zusammenleben und in Konsumgewohnheiten eingebunden werden konnte, um die Betrachter*innen in die Praxis ästhetischer Kritik miteinzubeziehen und damit das Versprechen universeller Gleichheit gegen die „Aufteilung des Sinnlichen“ zu verteidigen.

Mohamed Melehi (1936, Asilah, MA – 2020, Paris)
Nach einem kurzen Aufenthalt am Institut National des Beaux-Arts in Tétouan (MA) erhielt Mohamed Melehi 1955 ein Stipendium, das es ihm ermöglichte, an den Kunsthochschulen von Sevilla (ES) und Madrid zu studieren. 1957 schrieb er sich an der Accademia di Belle Arti di Roma in Rom ein. Diese Jahre waren entscheidend für die Entwicklung seiner künstlerischen Praxis: Sie bestätigten ihm die Möglichkeit, Abstraktion und Spiritualität, akademisches Denken und formale Sprache zu vereinen. 1962 folgte Melehi einem Ruf als Assistenzprofessor an das Minneapolis Institute of Art (US), später ging er nach New York. Dort erkannte er die Einzigartigkeit einer Gesellschaft an der Spitze der Moderne, die sich als Antithese zum europäischen Modell verstand. Das Bestreben, die europäische Tradition hinter sich zu lassen, bot ihm einen neuen Bezugsrahmen für seine eigene Identitätskonstitution. Überzeugt davon, seine Erfahrung dazu nutzen zu können, die soziale und kulturelle Entwicklung seines Heimatlandes voranzutreiben, schloss Melehi sich Farid Belkahia und dessen pädagogischem Experiment an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca an, wo er Workshops zu Malerei, Skulptur und Fotografie leitete. In Anlehnung an die pädagogischen Prinzipien des Bauhaus folgte Melehis Lehre einem interdisziplinären Ansatz, der die Reziprozität der Arbeit des Künstlers und jener des Handwerkers ins Zentrum stellte. Er ermutigte seine Student*innen, die Bildsprache ihrer Umgebung zu analysieren, um Berührungspunkte zwischen ihrer Forschung und deren Anwendung im täglichen Leben auszumachen. Melehis geistige Nähe zu Toni Maraini und Bert Flint führte zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit den formalen und stilistischen Spezifitäten nordafrikanischer Kultur. Ihre Diskussionen drehten sich vor allem um ländliche marokkanische Kunst, urbane Volkskunst und die Notwendigkeit, deren moderne, universelle Prinzipien herauszuarbeiten: „Mir geht es nicht darum, Tradition oder die Muster traditioneller Kunst nachzuahmen, sondern vor allem darum, dem marokkanischen Kunsthandwerker näherzukommen, indem ich seine Arbeit beobachte. Darum, eine verständnisvolle Beziehung zu ihm aufzubauen. Darum, seine Arbeit anzuerkennen. Darum, seinen Zeichnungen, seine Farbwahl auf die gleiche Weise zu betrachten, wie man einen Picasso betrachten würde. Auf dass unserem Künstler und seiner Arbeit die gleiche Anerkennung zuteilwerde, wie jeder anderen künstlerischen Errungenschaft der Moderne auch.“

Mustapha Hafid (1942, Casablanca)
Mustapha Hafid schrieb sich zunächst an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca ein, wechselte dann aber nach Warschau, wo er fünf Jahre lang Malerei und graphische Kunst an der Akademie der Bildenden Künste studierte. 1966 schloss er sein Studium mit einem Master ab. Zurück in Marokko lehrte er an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca. 1969 nahm Hafid gemeinsam mit Mohamed Ataallah, Farid Belkahia, Mohamed Chabâa, Mohamed Hamidi und Mohamed Melehi an der Manifestausstellung auf dem Jamaâ-El-Fna-Platz in Marrakesch und dem Platz des 11. November in Casablanca teil. Von 1980 bis 1985 war er geschäftsführender Direktor der École Municipale des Beaux-Arts.

Mohamed Hamidi (1941, Casablanca)
Mohamed Hamidi studierte an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca, bevor er nach Paris ging, zunächst an die École Nationale Supérieure des Beaux-Arts, später an die École National Supérieure des Arts et Métiers. Nach seiner Rückkehr nach Marokko lehrte Hamidi von 1967 bis 1975 an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca; 1969 nahm er gemeinsam mit Mohamed Ataallah, Farid Belkahia, Mohamed Chabâa, Mustapha Hafid und Mohamed Melehi an der Manifestausstellung auf dem Jamaâ-El-Fna-Platz in Marrakesch und dem Platz des 11. November in Casablanca teil.

Mohamed Ataallah (1939, Ksar-el-Kebir, MA – 2014, Caen, FR)
Nach seinem Studium am Institut National des Beaux-Arts in Tétouan (MA) ging Mohamed Ataallah zunächst an die Academia de Bellas Artes in Sevilla, dann an die Accademia di Belle Arti in Rom und schließlich an der Escuela Superior de Conservación y Restauración de Bienes Culturales in Madrid. 1963 kehrte er nach Marokko zurück, um archäologische Ausgrabungen in der Provinz Tanger durchzuführen. Von 1968 bis 1972 lehrte Ataallah an der École Municipale des Beaux-Arts in Casablanca, 1969 nahm er gemeinsam mit Farid Belkahia, Mohamed Chabâa, Mustapha Hafid, Mohamed Hamidi und Mohamed Melehi an der Manifestausstellung auf dem Jamaâ-El-Fna-Platz in Marrakesch und dem Platz des 11. November in Casablanca teil. 1972 kehrte Ataallah nach Frankreich zurück, wo er bis 2004 an der Académie des beaux-arts in Caen lehrte. Zeit seines Lebens versuchte er, seine künstlerische Praxis mit seiner Karriere als Lehrer zu verbinden.